Werktextblog

Eine kleine Peinlichkeit?

Ludwig van Beethoven: Oktett Es-Dur op. 103

10.05.2021 — von Anne Ilic

Opus 103? Wenn es nach Beethoven gegangen wäre, hätte es diese Nummer gar nicht gegeben. 1792 schrieb er ein Oktett für zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte und zwei Hörner und gab ihm den Beinamen „Parthia“ – eine Bezeichnung für unterhaltende Musik und eine treffende Beschreibung für dieses leichte und schwungvolle Stück.

Beethoven lebte damals in Bonn, wo seit 1784 auch der Kölner Kurfürst und Erzherzog Maximilian Franz (1756–1801) residierte. Maximilian Franz, der der jüngste Bruder des österreichischen Kaisers Joseph II. war, interessierte sich sehr für Musik und schätzte die Werke Wolfgang Amadeus Mozarts. Als Musikliebhaber förderte er daher auch den jungen Ludwig van Beethoven, der an seinem Hof wirkte.

Maximilian Franz

Maximilian Franz (gemeinfrei)

Maximilian Franz war zudem im gesamten Deutschen Reich für seine Harmoniemusik bekannt. Als Harmoniemusik bezeichnete man Ensembles, die aus Holz- und Blechbläsern bestanden und meist bei Freiluftkonzerten oder als Tafelmusik spielten. Das Bläserensemble des Kurfürsten, das er zusätzlich zu seinem großen Orchester in Bonn unterhielt, zählte zu den besten im ganzen Land. Der Journalist und Musikkenner Carl Friedrich Junker berichtete über das Ensemble, das er 1791 bei einem Auftritt in Bad Mergentheim hörte:

Gleich am ersten Tage hörte ich Tafelmusik, die, so lange der Kurfürst in Mergentheim sich aufhält, alle Tage spielt. Sie ist besetzt mit 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotts, 2 Hörner. Man kann diese 8 Spieler mit Recht Meister in ihrer Kunst nennen. Selten wird man eine Musik von dieser Art finden, die so gut zusammenstimmt, so gut sich versteht, und besonders im Tragen des Tons einen so hohen Grad von Wahrheit und Vollkommenheit erreicht hätte, als diese. Auch dadurch schien sie sich mir von ähnlichen Tafelmusiken zu unterscheiden, daß sie auch größere Stücke vorträgt.

Eines dieser größeren Stücke war Ludwig van Beethovens Bläseroktett, das insgesamt etwa 20 Minuten dauert.

Ludwig van Beethoven: Oktett Es-Dur op. 103 (Symfonieorkest Vlaanderen)

Bereits der erste Satz ist sieben Minuten lang. Er beginnt mit einem einfachen, aber schönen Motiv, das sich durch den ganzen Satz zieht. Doch trotz dieses schlichten Motivs wird der Satz nicht langweilig. Beethoven bringt immer wieder neue Ideen ein, an denen der Zuhörer sich erfreuen kann. Durch seinen heiteren und lebhaften Charakter kann ich mir den Satz gut als beschwingte Tafelmusik vorstellen, zu der eine Gesellschaft königlich speist.

Kurz nach der Komposition des Bläseroktetts fuhr Beethoven auf Kosten von Maximilian Franz nach Wien, um „Mozarts Geist aus Haydns Händen“ (Zitat Graf Waldstein) zu empfangen. Der kurfürstlich geförderte junge Komponist und Pianist sollte dort seinen Geschmack weiterbilden und musikalische Fortschritte machen.

Doch die Überraschung des Kurfürsten muss groß gewesen sein, als er die Stücke erhielt, die Beethovens Lehrer Joseph Haydn ihm 1793 aus Wien sandte. Denn er erhielt unter anderem das Oktett, das er schon längst kannte.

Die Musik des jungen Beethoven, welche Sie mir zugeschickt haben, habe ich mit Ihrem Schreiben erhalten. Da indessen diese Musik … von demselben schon hier zu Bonn komponirt und produzirt worden, ehe er seine zweyte Reise nach Wien machte, so kann mir dieselbe kein Beweis seiner zu Wien gemachten Fortschritte seyn … Ich denke dahero, ob er nicht wieder seine Rückreise hieher antreten könne, um hier seine Dienste zu verrichten; denn ich zweifle sehr, daß er bey seinem itzigen Aufenthalte wichtigere Fortschritte in der Composition und Geschmak gemacht haben werde und fürchte, daß Er eben so wie bei seiner ersten Wienner Reise bloß Schulden von seiner Reise mitbringen werde.

Im Gegensatz zu Haydn war Maximilian Franz mit Beethovens Schaffen nicht zufrieden. Doch hatte Beethoven bei Haydn wirklich nichts gelernt? Würde er, wie der Kurfürst ihm unterstellte, nur Schulden zurückbringen?

Ob er tatsächlich lediglich Überarbeitungen nach Bonn übersandte, kann heute nicht mehr gesagt werden. Vermutlich komponierte er aber wenigstens den dritten Satz der Parthia in Wien. Doch selbst wenn es so gewesen wäre, dass keine neuen Werke entstanden – auch durch Überarbeitungen kann man viel lernen. Haydn zumindest berichtete nur Positives über seinen Schüler:

Kenner und Nichtkenner müssen aus gegenwärtigen Stücken unpartheyisch eingestehen, daß Beethoven mit der Zeit die Stelle eines der größten Tonkünstler in Europa verteten werde, und ich werde stolz seyn, mich seinen Meister nennen zu können; nur wünsche ich, daß er noch eine geraume Zeit bey mir verbleiben dürfe. (23.11.1793)

Joseph Haydn

Joseph Haydn (Ölgemälde von Thomas Hardy, 1791, gemeinfrei)

Doch auch wenn das Oktett noch in Bonn entstand, zeigt sich im zweiten Satz bereits etwas Wiener Charme. Liegt es am Sechsachteltakt? Oder am schmeichelnden Charakter? Bei mir kommt jedenfalls immer ein Bild des Flanierens auf. Nach dem ersten Gang des festlichen Mahls gibt es eine Pause in der Speisenfolge. Die Adeligen gehen umher, während die Musik anregend im Hintergrund weiterspielt, sie tauschen sich aus und knüpfen neue Kontakte.

Wie im ersten Satz führt oft die Oboe, doch auch die anderen Instrumente kommen nicht zu kurz. Schon 1972, mit 22 Jahren, geht Beethoven mit allen Instrumenten gekonnt um.

Aber Moment – hatte Beethoven mit 22 Jahren schon 103 Werke komponiert? Das wäre eine gewaltige Menge. Doch Opus 1 ist erst aus dem Jahr 1795 und schaut man sich Opus 102 und 104 genauer an, stammen diese bereits aus den Jahren 1815 und 1817, also aus Beethovens Spätwerk. Aber warum trägt dieses Oktett die Nummer 103?

Die Antwort ist einfach: Ludwig van Beethoven hat dieses Werk nie veröffentlicht. Erst 1830, nach seinem Tod, wurde es gedruckt. Die Notenausgabe beruhte auf Beethovens Arbeitsmanuskript, das teils unfertig ist – eine Reinschrift hatte Beethoven nicht angefertigt.

1851 ordnete der Verlag Breitkopf & Härtel dem Oktett dann noch die Opuszahl 103 zu, da Beethoven diese freigelassen hatte, und gab ihm den Titel „Grand Octet“. Anton Schindler (1795–1864), der sich als „Freund von Beethoven“ bezeichnete und sein erster Biograf war, gefiel dies aber nicht:

Es existiert weder ein Op. 103 noch ein Op. 104 als Original-Werk.

Doch ob Beethoven das genauso schlecht gefunden hätte, ist fraglich. Es ist zwar nicht klar überliefert, warum er es nicht veröffentlichte, aber dieses energievolle und frische Werk ist ein wahrer Ohrenschmaus, den es sich lohnt, anzuhören. Und auch wenn Schindler sich als „Freund Beethovens“ bezeichnete und dies sogar auf seine Visitenkarten drucken ließ – heute ist bekannt, dass er ihn zwar kannte, aber nicht so glaubwürdig ist, wie man gerne meinen würde. In seiner Beethoven-Biographie von 1840 fälschte, manipulierte und ergänzte er. Und was mich besonders entsetzt: Er vernichtete etwa die Hälfte der Konversationbücher aus dem Nachlass des schwerhörigen und später tauben Beethovens. Durch diesen Eingriff versuchte Schindler, seine angeblich enge Beziehung zu Beethoven und seine Stellung als dessen Freund zu bezeugen.

Anton Schindler

Anton Schindler (gemeinfrei)

War Anton Schindler wirklich ein Freund Beethovens? Oder doch nur ein Bekannter? Klar ist, dass Schindler von 1822 bis 1824 sein Sekretär war. Davor arbeitete er ab 1817 als Jurist einer Kanzlei des Rechtsanwalts Dr. Johann Baptist Bach, der ab 1819 der Rechtsbeistand Beethovens war. Doch ob ein Freund wirklich so unverschämt Quellen verfälscht? Nur um sich in den Mittelpunkt zu rücken? Für mich wäre das kein Freund, sondern ein Selbstdarsteller.

Doch sein Plan ging offensichtlich auf: Heute hat man ihn zwar durchschaut, aber eine bedeutende Berühmtheit erlangte er dennoch als erster Biograf Beethovens, der den Komponisten sogar persönlich kannte. Über Anton Schindler als Beethoven-Biograf berichtet WDR ZeitZeichen in einer knapp fünfzehnminütigen Sendung.

Der dritte Satz aus Beethovens Oktett ist mit ca. drei Minuten Länge der kürzeste. Hier wird nochmal besonders deutlich, wie sehr die Instrumente untereinander kommunizieren. Die Oboe beginnt mit dem Thema, die Klarinette setzt es fort. Und auch die anderen Instrumenten ergänzen sich gegenseitig. Doch obwohl der dritte Satz schneller ist als der zweite, ist er gewissermaßen durch die teils dünnere Besetzung und die größeren Pausen auch ruhiger.

Titelseite des Oktetts

Titelseite der Erstausgabe von 1830 (Artaria, 3022); Beethoven-Haus Bonn, C 103 / 2

Als Finalsatz hatte Beethoven zunächst das Rondo WoO 25 vorgesehen. Das schrieb er vermutlich Ende der 1780er Jahre. Im Autograph seines Oktetts sind nach dem dritten Satz die ersten acht Takte der ersten Hornstimme dieses Rondos notiert. Doch dann sah er davon ab, das frühere Stück zu verwenden, und komponierte einen neuen Finalsatz. Wie das Oktett veröffentlichte Beethoven auch das Rondo nicht. Erst nach seinem Tod 1830 wurde es vom Wiener Musikverleger Anton Diabelli als Rondino herausgegeben.

Ludwig van Beethoven: Rondino Es-Dur WoO 25 (Netherlands Wind Ensemble)

Dieses ruhige Stück steht in krassem Gegensatz zum tatsächlichen Finale, das energievoll nach vorne drängt.

A. W. Thayer schrieb über das Bläseroktett in seiner von Hugo Riemann überarbeiteten Beethoven-Biographie:

Alles ist in eine Fülle von Wohllaut getaucht, der kaum beschrieben werden kann. Das führende Instrument ist meist die erste Oboe, mehrfach mit dem Fagott hübsch konzertierend; aber auch die Klarinette kommt zu ihrem Recht, und die Hörner machen ihre Wirkung ihrer Natur entsprechend geltend. Außer den Motiven und Figuren breiten namentlich die lang gehaltenen Töne der verschiedenen Instrumente einen leuchtenden Glanz über das Ganze. Sollte das Tafelmusik sein, so ist gewiß selten eine ähnliche geschrieben worden.

Nun, im vierten Satz kommt besonders die Klarinette zu ihrem Recht, die in den ersten drei Sätzen hinter der Oboe zurücksteht. Auch im Rondo WoO 25 tritt die Oboe in den Hintergrund. Hier aber, um besonders den Hörnern und auch den Klarinetten den Vortritt zu lassen. Das fällt in den Noten des Rondos besonders auf, da die Hörner, anders als üblich, in den beiden obersten Systemen notiert wurden. Dort steht normalerweise die Oboenstimme, die das höchste und meist führende Instrument in einer solchen Besetzung ist.

Ich finde aber, dass das Beethoven eine gute Entscheidung getroffen hat, als er sich entschied, ein neues Finale zu komponieren. Denn das tatsächliche Finale passt durch seinen Schwung mehr als „Rausschmeißer“ und Ende des Oktetts als das ruhige Rondo. Jetzt weiß man, dass das Stück fertig ist und kann beschwingt aufstehen. Nach dem Rondo würde ich noch auf einen beendenden Schlusssatz warten. Auch zu den übrigen Sätzen, die charakterlich komplett anders und allgemein lebhafter sind, hätte das Rondo einen Bruch dargestellt.

Hat Beethoven sein einziges Bläseroktett nicht veröffentlicht, weil es ihn an die kleine Peinlichkeit mit dem Kölner Kurfürsten erinnerte? Man weiß es nicht. Seine Frühwerke, zu denen dieses Stück gehört, veröffentlichte er jedoch meist nicht. Von daher ist es nichts Ungewöhnliches, dass Beethoven auch dieses Oktett nicht unter einer Opuszahl herausgab. Schließlich trägt die Opuszahl 1 erst ein Klaviertrio aus dem Jahr 1795.

Das Oktett arbeitete er zudem in den Jahren 1795/96 zu seinem ersten Streichquintett um, das er als Opus 4 veröffentlichte. Vermutlich war die Originalfassung des Bläseroktetts zumindest für Beethoven dadurch erledigt.

Ludwig van Beethoven: Streichquintett Es-Dur op. 4 (Endellion String Quartet)

Ich bin jedoch dankbar, dass sein Oktett uns erhalten geblieben ist. Es gibt mir so viel Energie und Freude, dass ich es jeden Tag hören könnte.