Werktextblog

Nach dem Bangen kommt ein Fest

Franz Schubert: Sonatine g-Moll für Violine und Klavier D 408

06.03.2021 — von Paula Laier

September 2020. Endlich kann ich wieder bei einem Konzert mitwirken. Durch die Routine der Proben kommt Aufregung in meine eintönigen Wochen und ich kann wieder musikalisch auf etwas hinarbeiten. Ich begleite auf dem Klavier mehrere Stücke, unter anderem einen Sologeiger, mit dem ich schon öfter zusammengespielt habe. Heute spielen wir den ersten Satz von Franz Schuberts dritter Sonatine für Violine und Klavier.

Franz Schubert: Sonatine g-Moll für Violine und Klavier D 408 (Henryk Szeryng / Ingrid Haebler)

Unisono gespielte Oktaven im Forte eröffnen das Stück.

Incipit

Schubert, Sonatine D 408, 1. Satz

Es ist ein Thema wie eine Eilmeldung. Nachdrücklich geht es in kleinen Sprüngen abwärts, immer noch in Oktaven und unisono. Die Klaviermelodie beruhigt die Situation, aber das Thema bleibt erhalten. Die Nachricht ist noch da. Das zweite, lyrischere Thema dämpft die vorangegangene Dramatik ab. Aber der Frieden währt nicht lange. Schon ist die schlechte Nachricht wieder zurück!

Dies beschreibt sehr gut, wie ich die ersten Wochen meines neuen Semesters wahrnehme. Sobald sich die Situation etwas beruhigt, gibt es etwas Neues, um das ich mich sorgen muss und was meine volle Aufmerksamkeit fordert. Es kommen ständig neue Nachrichten darüber, wie es jetzt weitergehen soll. Aber in meinem Alltag ändert sich wenig. Die Grundmelodie bleibt erhalten. Zu Beginn bin ich noch mit mir selbst einig darüber, was nun am besten ist. Doch schon bald werden zwei Stimmen in meinem Kopf laut (ab 32.12). Nach einigen Unisoni fallen sie sich gegenseitig ins Wort, wechseln sich ab und schaukeln sich gegenseitig hoch.

Ausschnitt

Schubert, Sonatine D 408, 1. Satz

Was soll ich tun? Vernünftig zuhause bleiben oder mich mit einer Freundin treffen? Eine Diskussion entbrennt, bis alle Argumente vorgebracht wurden. Die Töne werden leiser und verklingen schließlich (ab 32.41). Nachdem diese Entscheidung getroffen wurde, schlägt die schlechte Nachricht mit der Reprise ein. Ich folge ihrem Verlauf, bis der erste Satz in zwei großen Akkorden endet.

Erst nach unserem Konzert beschäftige ich mich eingehender mit dem gesamten Stück und dessen Hintergrund. Es wurde 1816 vom neunzehnjährigen Schubert komponiert. Bereits in diesem jungen Alter begann sein Weg als professioneller Komponist. Denn im selben Jahr komponierte er das erste Mal gegen ein Honorar, wie er in einem Tagebucheintrag festhielt.

17. Juny 1816
An diesem Tag componirte ich das erste Mahl für Geld. Nähmlich eine Cantate für die Nahmensfeyer des Hn. Professors Wattrot von Dräxler. Das Honorar ist 100 fl. W. W.

Quelle

Die Sonatine wird jedoch erst 1836, also acht Jahre nach seinem Tod, herausgebracht. Sie ist Teil der drei Sonatinen für Violine und Klavier, die von Schubert ursprünglich Sonates pour le Pianoforte et Violon genannt wurden. Schuberts Bruder Ferdinand verkaufte die Sonaten aus dem Nachlass des verstorbenen Komponisten an den Verleger Anton Diabelli als „drei leichte, sehr schöne Sonaten für Klavier und Violine“. Um sie von den damals üblichen großen Sonaten abzugrenzen, wurden sie von Diabelli in Sonatinen umbenannt.

Diese verbale Verkleinerung ist vor allem dann nachvollziehbar, wenn man spätere Kompositionen Schuberts kennt. Im Vergleich dazu sind seine Sonatinen eher kleine und galante Stücke, die noch nicht an die emotionale Stärke, beispielsweise seiner späten Klaviersonaten, heranreichen.

Dennoch: Alle vier Sätze der Sonatine haben eine ganz eigene Bedeutung für mich entwickelt. Auf eine musikalische Weise reflektieren sie meine Erlebnisse der letzten Monate und formulieren ein hoffnungsvolles Ende, allen Widrigkeiten zum Trotz.

Der leise und langsame Beginn des zweiten Satzes (ab 34:15) steht ganz im Gegensatz zum ersten. Voller Anmut dehnt sich das Legato der Violine und die Dynamik schlägt kleine Wellen durch die Melodie. Dabei wirkt es keineswegs so tieftraurig, wie es einer langsamen und lyrischen Geigenmelodie möglich wäre. Das Es-Dur verhindert ein Rutschen in Melancholie und hält auf diese Weise den Optimismus aufrecht. Das Bild von Regentropfen, die an einer Fensterscheibe herunterlaufen, kommt mir in den Kopf. Tonrepetitionen in der Begleitung rufen das Gefühl von sanftem Regen hervor, der auf das Dach klopft.

Ich denke an das Anfangsthema von Chopins Prélude Des-Dur, auch „Regentropfen-Prélude“ genannt. Das kleine Stück wurde 1838/39 komponiert und damit nach der Veröffentlichung der Sonatine. Einen Einfluss der Sonatine auf Chopin kann ich zwar nicht erkennen, doch eine bestimmte musikalische Idee der Sonatine erinnert mich sofort an das bekanntere Prélude: Eine punktierte Note, gefolgt von einer schnelleren und mit einem wiederholten Orgelpunkt in der Begleitung (ab 34:40)

Chopin, Regentropfen-Prélude

Chopin, Prélude Op. 28 Nr. 15

Schubert, Sonatine g-Moll, 2. Satz

Schubert, Sonatine Op. 137 Nr. 3, 2. Satz

Der Wechsel von Hauptmelodie und Begleitung zwischen den beiden Instrumenten sowie Unisono-Abschnitte ziehen sich durch die gesamte Sonatine. Am Ende dieses Satzes ist dies besonders gut zu erkennen. Das Klavier hat nicht nur eine reine Begleitfunktion, sondern spielt fast gleichberechtigt neben der Violine.

Aber mit den Träumereien des zweiten Satzes ist es bald vorbei. Aufgeregte Triller, Triolen und Staccato-Noten künden von einer neuen Nachricht (ab 38:01). Diesmal ist sie positiv konnotiert, was auch durch das B-Dur hervorgerufen wird. Auffällig sind die vielen, oft plötzlichen Dynamikwechsel. Diese erinnern ein wenig an Beethoven, den Schubert als Meister verehrte.

Wie in reges Gespräch zwischen zwei Personen klingen für mich die hektischen Achtelketten aus Staccato-Noten in der Geige. Man sieht sich nach langer Zeit endlich wieder und hat einander viel zu erzählen. Das Trio erscheint etwas ruhiger durch die langen und gebundenen Noten in der Violine, doch das Klavier begleitet unvermindert heiter. Nichts erinnert mehr an die schwermütige Stimmung des ersten Satzes.

8. September 1816.
Der Mensch gleicht einem Balle, mit dem Zufalle u. Leidenschaft spielen. Mir scheint dieser Satz außerordentlich wahr.

Quelle

Dies schrieb Schubert, ebenfalls im Kompositionsjahr der Sonatinen, in sein Tagebuch. Er war damals nur ein Jahr älter, als ich es jetzt bin. Und wie ein Ball, der von allen möglichen Faktoren mal hierhin und mal dorthin geworfen wird, fühlt sich bei mir alles an. Ich kann nicht direkt beeinflussen, was ich machen darf. Dafür bin ich aber umso glücklicher über alles Schöne, was mir über den Weg läuft, und sei es noch so klein. Wie etwa gemeinsames Musizieren. Vielleicht fühle ich mich deshalb der Sonatine so verbunden: Sie ist klein und auf einfache Weise schön.

Der vierte Satz (ab 40:32) beschreibt für mich etwas, das hoffentlich bald wieder kommt. Das Tempo ist beschwingt, die Takte beginnen klar und die Begleitung ist tänzerisch. Der fast exakte Tausch der beiden Stimmen ist wie ein Austausch von Höflichkeiten zu Beginn eines Festes.

Schubert, Sonatine g-Moll, 4. Satz

Hier führt die Geige die Melodie.

Schubert, Sonatine g-Moll, 4. Satz

Hier übernimmt das Klavier die vorherige Geigenstimme, die Geige spielt die dazugehörige Begleitung.
Schubert, Sonatine op. 137 Nr. 3, 4. Satz

Und dann geht es auch schon los. Festlich untermalt von Klavierakkorden schwingt sich die Geige nach oben. Verspielt lässt sie sich fallen, bevor es wieder hoch geht. Es entspinnt sich ein freudiges Hin und Her zwischen verschiedenen Tonhöhen.

An dieser Stelle erscheint vor mir eine Szene wie aus einem Film: Man biegt um die Ecke und betritt einen großen Saal voller Menschen, die ausgelassen plaudern und feiern. Stimmengewirr erfüllt den Raum, festlich dekoriert von Akkorden.

Mir wird wieder bewusst, wie lange ich schon nicht mehr in einem Raum voller lachender und plaudernder Leute war. Es gibt keine Familienfeiern und die Bälle der Tanzschule sind ausgefallen, meinen 18. Geburtstag habe ich zuhause verbracht und meine Kommiliton*innen sehe ich seit langer Zeit (wenn überhaupt) nur durch eine Kamera. Obwohl ich kein Party-Mensch bin, vermisse ich die Gesellschaft anderer Leute. Aber dieser Satz der Sonatine verweilt nicht allzu lange in der Ruhe des ersten Themas, sondern zieht schon bald weiter zu verspielteren Melodien.

Staccati der Geige und die rasche Klavierbegleitung malen das Bild einer heiteren Abendgesellschaft. Der Schlussteil ist in einem fröhlichen G-Dur geschrieben, was durch den Wechsel von Staccato-Achteln und Sechzehnteln in der Geige noch unterstrichen wird. Wenn das Klavier die Melodie in Oktavakkorden übernimmt und die Geige in gebrochenen Akkorden aufwärts fliegt, muss ich an ein kleines, aber festliches Feuerwerk zum Ende eines Balles denken, wie aus der Endszene eines Films.

Manglard, Feuerwerk über der Engelsburg

Adrien Manglard, Feuerwerk über der Englelsburg (gemeinfrei)

Ein fröhlicher und endgültiger Schluss wird durch die drei gemeinsam gespielten G-Dur-Akkorde markiert. Alles ist gut geworden.

Nach diesem Ende blicke ich optimistisch in die Zukunft. Trotz aller Schwermut und schlimmer Nachrichten im ersten Satz und trotz der einsamen Verträumtheit im zweiten kann ich noch aufgeregt fröhlich wie im dritten sein. Und wenn alles vorbei ist, dann lädt der vierte Satz zum Feiern und Beisammensein ein.

Quellen:
Franz Schubert, Tagebucheintrag vom 17.06.1816
Adelheid Krause-Pichler: Lebendige Dramaturgie und Klangrausch, NMZ 2021/2
Karl Böhmer: Franz Schubert, Violinsonate (Sonatine) g-Moll, D 408, op. posth 137,3 kammermusikfuehrer.de