Werktextblog

Mit letzter Kraft?

Camille Saint-Saens: Sonate für Oboe und Klavier op. 166

16.02.2021 — von Anne Ilic

Den Namen Camille Saint-Saëns verbinden wahrscheinlich die meisten mit der Kammerorchestersuite „Karneval der Tiere“ (1886). Dieses Werk, in dem er einige Komponisten parodierte – wie zum Beispiel Jacques Offenbach mit den „Schildkröten“ –, wollte er jedoch zu Lebzeiten nicht aufführen lassen, da er sich um seinen Ruf sorgte. Nur beim „Schwan“ gab er seine Aufführungserlaubnis. Der „Karneval der Tiere“ wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Doch ansonsten sind von seinem umfassenden Oeuvre vermutlich nur wenige weitere Werke allgemein bekannt – was angesichts von mehr als 300 Kompositionen erstaunlich ist. Dass Saint-Saëns (1835-1921) in den 1880er-Jahren als größter Musiker Frankreichs galt und unter anderem 1913 das Großkreuz der Ehrenlegion erhielt, dürfte viele überraschen.

Eines der eher unbekannteren Werke ist Saint-Saëns’ Oboensonate, die er in seinem letzten Lebensjahr 1921 komponierte. Nach Jahrzehnten des Ruhms sahen ihn damals viele nur mehr als rückständig und konservativ an. Acht Jahre vor seiner Sonate wurde Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ aufgeführt – vergleicht man beide Werke, könnten sie unterschiedlicher nicht sein: Das eine dissonant, scharf, modern, einer der größten Skandale der Musikgeschichte, das andere ruhig, besonnen, unaufgeregt, man kann kaum glauben, dass es zu dieser Zeit entstand. Doch auch wenn es nicht zur Avantgarde gehörte, hörenswert ist es auf jeden Fall. Denn Saint-Saëns verbindet feinsinnig Oboen- und Klavierstimme und besticht mit schlichten, aber schönen und melodischen Linien.

Camille Saint-Saëns

Camille Saint-Saëns (gemeinfrei)

Schon früh zeigte sich das musikalische Talent des Komponisten, Pianisten, Organisten, Dirigenten, Musikwissenschaftlers und Musikpädagogen: Seine erste Komposition schrieb er mit gerade dreieinhalb Jahren und mit elf Jahren gab er sein erstes öffentliches Konzert in Paris. Kein Wunder, dass er damals von Zeitgenossen als neuer Mozart bezeichnet wurde.

Camille Saint-Saëns war jedoch nicht nur auf musikalischer Ebene ein Wunderkind – mit sieben Jahren übersetzte er lateinische und griechische Texte zum Spaß. Auch in Algebra und Physik war er sehr gut.

Saint-Saëns’ erste Komposition

Saint-Saëns’ erste Komposition mit dreieinhalb Jahren vom 22.03.1839

Der kränkliche, blasse Saint-Saëns wurde von seiner Mutter und seiner Großtante, nachdem sein Vater früh starb, wohlbehütet. Seine Großtante, selber Pianistin, unterrichtete ihn. Jedoch hatte er wenige Kontakte zu Gleichaltrigen, sodass er dadurch sein ganzes Leben lang eher distanziert zu Fremden war und unnahbar gewirkt haben soll. Erst mit 40 Jahren – er lebte immer noch bei seiner Mutter – heiratete er. Doch die Ehe hielt nicht lange: Nachdem seine beiden Söhne sehr jung und kurz hintereinander starben, verließ er nach sechs Jahren Ehe seine Frau.

Saint-Saëns als Zehnjähriger

Saint-Saëns als Zehnjähriger

Mit fünfzehn Jahren, also 1850, komponierte Saint-Saëns seine erste Sinfonie. Und auch als Interpret war er erfolgreich: Mit sechzehn Jahren gewann Camille Saint-Saëns den ersten Preis des Pariser Konservatoriums im Fach Orgel. Dort studierte er nicht nur Orgel, sondern auch Klavier und Komposition. Im Jahr 1867 erhielt Saint-Saëns für seine Kantate „Les noces de Prométhée“ den ersten Preis des Wettbewerbs der Weltausstellung in Paris.

Nachdem er von 1853 bis 1877 Organist an der Église Saint-Merry bzw. an der Église de la Madeleine war, widmete er sich ab 1877 hauptsächlich der Komposition. Saint-Saëns komponierte Instrumental- und Vokalwerke in allen Gattungen. Zwar wollten die Pariser lieber Opernmusik hören, und Saint-Saëns schrieb auch einige Opern (wie z.B. „Samson et Dalila“, komponiert 1868, uraufgeführt 1877), doch waren die mit insgesamt 14 Werken seinem restlichen Schaffen zahlenmäßig deutlich unterlegen. Unbeirrt komponierte er auch Kammermusik – zu der Zeit eher unbeliebt. Durch seinen Fokus auf sinfonischen Werken, Konzerten und Kammermusik wurde er auch als Revolutionär bezeichnet.

Auch aus anderen Gründen wurde Saint-Saëns als Erneuerer der französischen Musik angesehen. In vielen Dingen war er der Erste: Er komponierte die erste Filmmusik überhaupt – und zwar zum Film „Die Ermordung des Herzogs von Guise“ (UA 17.11.1908).

Camille Saint-Saëns, Die Ermordung des Herzogs von Guise op. 128 (Ensemble Musique Oblique)

Außerdem komponierte er das erste Werk für Saxophonquartett und setzte als erster das Xylophon im Orchester ein – hierbei denken nun sicherlich viele an die „Fossilien“ aus dem „Karneval der Tiere“. Saint-Saëns schrieb als erster in Frankreich sinfonische Dichtungen und als einer der ersten Tangos. Die Musikgeschichte hat durch ihn also mehrere Neuerungen erfahren. Saint-Saëns war kein durch und durch konservativer Komponist.

Seinen Kompositionsprozess beschrieb er als einen ganz natürlichen – wie ein Apfelbaum Äpfel hervorbringt. Das zeigt sich besonders in seinen Manuskripten, in denen es kaum Korrekturen, Änderungen oder Umstellungen gibt.

Camille Saint-Saëns

Camille Saint-Saëns

Camille Saint-Saëns setzte sich für nationale französische Musik ein und war 1871 Mitbegründer der „Société nationale de la musique“. Diese diente besonders der Aufführung zeitgenössischer französischer Kompositionen und sollte damit nach dem verlorenen deutsch-französischen Krieg (1870-1871) Frankreichs Kultur vor deutschen Einflüssen (wie Wagner oder Schönberg) schützen.

Auch wenn Saint-Saëns in den 1880er-Jahren als größter Musiker Frankreichs galt, verlor er ab 1900 an Bedeutung. Er geriet hinter Strawinsky, Ravel und Debussy ins Hintertreffen, seine Musik wurde als altmodisch angesehen. Dennoch komponierte er bis ins hohe Alter. Noch mit 85 Jahren widmete er sich im Jahr 1921 einem neuen Projekt: Holzbläsersonaten. Dazu schrieb er einem Freund am 15. April 1921:

Ich verwende meine letzte Kraft darauf, das Repertoire dieser sonst so vernachlässigten Instrumente zu erweitern.

Anscheinend hat er gemerkt, dass er nicht mehr lange leben würde. Tatsächlich starb er noch im Dezember des gleichen Jahres. Vorher schaffte es Saint-Saëns noch, eine Oboensonate, eine Klarinettensonate und eine Fagottsonate zu komponieren. Die geplante Querflötensonate und Englischhornsonate konnte er nicht mehr schreiben.

Unterschrift von Camille Saint-Saëns

Unterschrift von Camille Saint-Saëns (gemeinfrei)

Die Sonate für Oboe und Klavier D-Dur op. 166 widmete er dem Oboenvirtuosen Louis Bas, der unter anderem Soloobist im Orchestre de l’Opéra national de Paris und im Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire war.

Saint-Saëns verbindet in der Sonate die Klavier- und die Oboenstimme kunstvoll. Sie ergänzen sich wunderbar. Dass er mit Kompositionen für Oboe nicht so viel Erfahrung hatte wie für Klavier, merkt man nicht.

Die Oboensonate besteht aus drei Sätzen. Dabei folgt sie jedoch nicht der normalen Tempoabfolge schnell – langsam – schnell, sondern wird stufenweise schneller: Andantino – Allegretto – Molto Allegro. Das wird allerdings leicht verdeckt durch die freien „Ad Libitum“-Teile im zweiten Satz. Besonders durch die Unterteilung auch innerhalb der Sätze ist die Sonate sehr vielseitig.

Der erste Satz, das dreiteilige Andantino in ABA-Form, beginnt schlicht und ruhig und endet auch so. Insbesondere die A-Form verzaubert durch ihre entzückenden und gesanglichen Melodien. Der B-Teil dagegen ist eher stürmisch, intensiv und schwungvoll. Hier schafft es Saint-Saëns meiner Meinung nach, die Spannung in der Musik direkt auf den Zuhörenden zu übertragen, sodass man kaum ruhig sitzen bleiben kann. Die Oboe drängt förmlich nach vorne.

Camille Saint-Saëns, Sonate für Oboe und Klavier op. 166, 1. Satz „Andantino“ (Albrecht Mayer/Karina Wisniewska)

Auch der zweite Satz ist dreiteilig: Ad libitum – Allegretto – Ad libitum. Er ist der längste und dauert etwa so lange wie erster und dritter Satz zusammen. Im „Ad Libitum“-Teil bieten sich dem Oboisten viele freie Gestaltungsmöglichkeiten. Er verbreitet eine unglaubliche Ruhe. Als ich diese Sonate gespielt habe, kam mir hier immer das Bild in den Kopf, auf einer Klippe an einer Küste zu stehen. Im Mittelteil erinnert mich der 9/8-Takt sehr an Wellen. Der ganze Satz hat einen ruhigen und entspannenden Charakter.

Camille Saint-Saëns, Sonate für Oboe und Klavier op. 166, 2. Satz „Ad libitum – Allegretto – Ad libitum“ (Albrecht Mayer/Karina Wisniewska)

Besonders die ersten beiden Sätze höre ich am liebsten. Die freien Melodien laden ein, in das Stück komplett einzutauchen, in eine andere Welt einzutreten und alles zu vergessen.

Der dritte Satz, Molto Allegro, weckt den Zuhörer dann wieder auf. Der Oboist kann nun seine ganze Energie entladen und Virtuoistät zeigen, wobei auch hier das Gesangliche nicht zu kurz kommt. Erkennungsmerkmal ist, neben den vielen Läufen und Sechzehntelketten, das Motiv von drei Triolen und einer Achtel auf dem gleichen Ton.

3. Satz, Oboenstimme

Oboenstimme, Anfang des 3. Satzes

Camille Saint-Saëns, Sonate für Oboe und Klavier op. 166, 3. Satz „Molto Allegro“ (Albrecht Mayer/Karina Wisniewska)

Saint-Saëns scheint selbst zufrieden gewesen zu sein mit seinem Werk. Am 21. Juni 1921, nach dem ersten Probespiel mit Louis Bas, berichtete er, „es lief wie am Schnürchen“. Dass er es aber mit letzter Kraft geschrieben haben soll, wie er in dem Brief an einen Freund berichtete, scheint die Musik zu dementieren. Der Komponist, den die Kräfte verlassen, holt im letzten Satz seine Zuhörer mit Schwung zurück ins Leben.