Werktextblog

Eine Frage ohne Antwort

Charles Ives: The Unanswered Question

26.11.2020 — von Miquela Helen Döppenschmitt

Charles Ives gilt in nahezu jeder Beziehung als ein Spezialfall in der Musikgeschichte. 1874 geboren, wurde er nach einer musikalischen Ausbildung am Konservatorium Versicherungsmakler und komponierte nur noch nebenbei. Dennoch ist sein enormes Werk – er schrieb sechs Symphonien, daneben sehr viele andere Orchesterwerke, Hunderte von Liedern, viele Klavierwerke – in seiner Bedeutung für die Musikgeschichte kaum zu unterschätzen. Ives war eine Vaterfigur für die amerikanische Musik und zugleich der Begründer einer eigenständigen Musiksprache. Zudem bereitete er viele Errungenschaften der fünfziger Jahre vor – etwa Polyrythmik, Atonalität oder serielle Verfahrensweisen. In seinen musikalischen Collagen eröffnete er der „ernsten“ Musik auch die Welt des Populären, des Schlagers, des Marsches und des Gospelsongs.

CD-Cover

Ives: The unanswered Question (das Bild ist das CD-Cover einer Einspielung mit Leonard Bernstein) (Sony Classical)

Die religiöse Seite Ives’ kommt etwa in seiner dritten Sinfonie zum Ausdruck. Und in zwei weiteren Werken, die ursprünglich eine zweiteilige Komposition bildeten. Heute werden sie jedoch meist getrennt voneinander aufgeführt: The Unanswered Question und Central Park in the Dark. In The Unanswered Question geht es um „die ewige Frage nach der Existenz“. Das Orchester ist in drei Instrumentengruppen aufgeteilt. Die Streicher stehen mit weiten, konsonanten Akkorden für die Stille (laut Ives’ Partiturnotiz). Hierhinein stellt die Solotrompete die ewigen Fragen („die ewige Seinsfrage“) und ein Flötenquartett versucht vergeblich eine Antwort zu finden, bläst geradezu zur Jagd nach der unsichtbaren Antwort. Im Verlauf des Werks werden die Fragen immer drängender und dissonanter. Auch die Antworten werden erregter, bis am Ende die Frage ein letztes Mal, ohne Antwort, verklingt. Die Streicher untermalen sie mit raunender Stille. Das Ende ist verrinnende Transzendenz.

Charles Ives: The Unanswered Question (New York Philharmonic / Leonard Bernstein)

Seit dem Schaffen Richard Wagners ist die Verbindung von Musik und Philosophie in den Hintergrund gerückt. Doch Charles Ives fordert sie wieder heraus. Neu ruft er die Frage nach dem Sein ins Universum, ohne eine Antwort zu erhalten.

Der Text entstand in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main zu einem Konzert des Hochschulorchesters am 29. November 2020 im hr-Sendesaal.

Eine Aufnahme des Konzerts sendet hr2-kultur am Freitag, dem 24. September 2021 ab 20.04 Uhr.