Werktextblog

„Die stille Freude, die hier ward zum Ton“

Richard Wagner: Siegfried-Idyll

16.11.2020 — von Leonie Krempien

In seinem „braunen Buch“, in dem sich auch die ersten Textskizzen zu Parsifal befinden, schrieb Wagner eine kleine Komposition mit dem Titel „Sylvester 68–69“ nieder. Es ist ein Wiegenlied, das später in der Oper „Siegfried“ wieder erklingen sollte – und auch im Siegfried-Idyll.

Die Umstände der Uraufführung des Siegfried-Idylls sind geradezu legendär. 1870, am Weihnachtsmorgen im Treppenhaus der Wagner’schen Villa in Tribschen bei Luzern, weckte Richard Wagner seine Frau Cosima mit diesem eigens für ihren Geburtstag komponierten Stück.

Wagners Villa in Tribschen

Die Wagnersche Villa in Tribschen (Bild: Josef Lehmkuhl/Richard Wagner Museum - CC BY-SA 3.0)

Das Treppenhaus der Villa in Tribschen

Das fragliche Treppenhaus in der Villa (Bild: Richard Wagner Museum)

Die Partitur, die Wagner ihr an diesem Tag überreicht, enthält neben den Noten auch ein von ihm selbst verfasstes Gedicht:

[...] Für ihn [Siegfried] und Dich durft’ ich in Tönen danken, –
Wie gäb’ es Liebestaten hold’ren Lohn?
Sie hegten wir in uns’res Heimes Schranken,
Die stille Freude, die hier ward zum Ton.
Die sich uns treu erwiesen ohne Wanken,
So Siegfried hold, wie freundlich uns’rem Sohn,
Mit deiner Huld sei ihnen jetzt erschlossen,
Was sonst als tönend Glück wir still genossen.

Richard und Cosima Wagner

Richard und Cosima Wagner (Bild: Richard Wagner Museum)

Tiefe Dankbarkeit, Glück über die Geburt von Siegfried und die Vollendung der gleichnamigen Oper, und das Wissen, durch seine Familie einen idealen Schaffensort, ein Idyll gewonnen zu haben – das alles klingt aus diesen Zeilen, wie auch aus der Musik.

Richard Wagner: Siegfried-Idyll (Wiener Philharmoniker / Georg Solti)

In Wagners Schaffen stellt das Siegfried-Idyll, das übrigens vor seiner Veröffentlichung jahrelang den Titel „Tribschener Idyll“ trug, in jeder Hinsicht eine Ausnahme dar. Großzügig besetzte Orchester weichen einem Kammerensemble, statt nicht enden wollenden Opern und heroischen Klängen glänzt das Siegfried-Idyll mit gerade einmal zwanzig Minuten Länge. Ton und Dynamik sind gesetzt, geradezu zärtlich. Es ist vielleicht Wagners intimste Komposition, von der fraglich ist, ob sie ursprünglich überhaupt zu einer Veröffentlichung über den Freundeskreis des Ehepaares hinaus vorgesehen war.

Der Text entstand in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main zu einem Konzert des Hochschulorchesters am 29. November 2020 im hr-Sendesaal.