Werktextblog

Vom kleinen zum großen Skandal

Arnold Schönberg: 1. Kammersymphonie op. 9

10.11.2020 — von Johanna Sinn

„Vor halbleerem Raume“ hätten das Roséquartett und die Bläservereinigung der Wiener Hofoper die Erste Kammersymphonie Arnold Schönbergs am 8. Februar 1907 uraufgeführt. So berichtete das Illustrirte Wiener Extrablatt am Tag danach. Eine Pandemie stand damals mit der Spanischen Grippe erst noch bevor. Das Publikum fürchtete keine Infektion, sondern wahrscheinlich die dissonanten Klänge, für die Schönberg bereits bekannt war. Aber auch ein halbleerer Saal genügte, um Streit zu entfachen. „Ein Häuflein Schönbergianer“ habe, so der Sonn- und Montags-Courier, „frenetischen Beifall“ gespendet. Der größere Teil des Publikums bekundete dagegen sein Missfallen. Diejenigen, die den Saal nicht unter lautstarkem Lachen verließen, begaben sich ins „Duell zwischen Zischern und Klatschern“ (Fremdenblatt). Andere begannen mit Gustav Mahler, der für Ruhe sorgen wollte, zu diskutieren. Die Kritiker zerrissen die Kammersymphonie einstimmig als „formlosen Klumpen Musik“, als „das gräulichste , was wir je in unserem Leben gehört haben“ und „unfreiwillige Katzenmusik“.

Deutsche Zeitung

Rezension in der Deutschen Zeitung vom 24. Februar 1907 (mit freundlicher Genehmigung des Arnold Schönberg Centers)

Was damals einen chaotischen Eindruck hinterließ, gilt heute als musikalische Leistung: In einem zusammenhängenden Satz erklingt die Symphonie, die ohne eindeutige Tonart eine enorme Vielfalt an Themen ausführt. Dies gelingt, weil die Instrumentalstimmen solistisch und unter unverkennbar hohen technischen Anforderungen spielen. Immerhin lobten die Rezensionen die 15 Musizierenden der Uraufführung aufs Höchste.

Schönbergs Handexemplar der Partitur

Schönbergs Handexemplar der gedruckten Partitur (Verbesserte Ausgabe, 1. oder 2. Auflage), mit freundlcher Genehmigung des Arnold Schönberg Centers

Am 31. März 1913 führte Schönberg seine Erste Kammersymphonie den Verrissen zum Trotz erneut auf – mit schwereren Folgen: Die erweiterte Fassung für Orchester, in der das Werk kraftvoller erklang, provozierte beide Lager des Publikums ärger denn je. Im diesmal gut besetzten Musikvereinssaal Wiens kam es neben den erwartbaren Pfuirufen und Pfiffen zu Prügeleien und Ohrfeigen, deretwegen das vorzeitig abgebrochene Konzert bis heute als „Watschenkonzert“ bekannt ist.

Programm der Aufführung 1913

Gustav Mahlers Kindertotenlieder wurden nicht mehr gespielt. Programm der Aufführung am 31. März 1913, mit freundlicher Genehmigung des Arnold Schönberg Centers

Die Reichspost beklagte, der Saal sei durch „wüstes Treiben musikalischer Leidenschaften entweiht“ worden, und die Neue Freie Presse berichtete, es habe nur noch geholfen, das Licht auszulöschen, um Schlimmeres zu verhindern. Aus dem kleinen Skandal der Uraufführung war ein großer Skandal der Musikgeschichte geworden. Wenn die Erste Kammersymphonie 2020 in leeren Sälen erklingt, liegt das allerdings nicht daran, dass ästhetisch motivierte Handgreiflichkeiten befürchtet werden.

Akademiekonzert der Bayerischen Staatsoper, Juli 2020 (Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters / Kirill Petrenko)

Der Text entstand in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main zu einem Konzert des Hochschulorchesters am 29. November 2020 im hr-Sendesaal.

Aufnahmen, Archive und aktuelle Ausstellungen zu Schönberg: www.schoenberg.at – Arnold Schönberg Center Wien
Mehr zum dramatischen Geschehen beim Watschenkonzert: BR2-Kalenderblatt