Werktextblog

Es war einmal ... Fünf Kinderstücke mit Herz

Maurice Ravel: Ma mère l’oye

21.09.2020 — von Miquela Helen Döppenschmitt

„‚Ma mère l’oye‘, Kinderstücke für Klavier zu vier Händen, stammen aus dem Jahre 1908. Die Absicht, in diesen Stücken die Poesie der Kindheit wachzurufen, hat mich dazu geführt, meine Art zu vereinfachen und meine Schreibweise durchsichtiger zu machen. Ich habe aus diesem Werk ein Ballett gemacht, das vom Théâtre des Arts einstudiert wurde. Das Werk wurde in Valvins für meine jungen Freunde Mimie und Jean Godebski geschrieben“

(Maurice Ravel in seiner „Esquisse autobiographique“)

Maurice Ravel: Ma mère l’oye (hr-Sinfonieorchester / Julian Kuerti)

Es sind fünf verschiedene Geschichten, die uns verzaubern und in eine andere Welt abtauchen lassen. „Ma mère l’oye“, wörtlich übersetzt „Meine Mutter, die Gans“, ist inspiriert von Charles Perraults Märchensammlung „Geschichten der Mutter Gans“ aus dem Jahr 1697, sinngemäß am besten „Ammenmärchen“. Perrault ist der Schöpfer vieler bekannter Märchenfiguren wie des Rotkäppchens, des gestiefelten Katers oder des Aschenputtels. In Ravels Suite beziehen sich dennoch nur zwei der fünf Stücke auf Perraultsche Märchen, nämlich die am Anfang stehende „Pavane der schlafenden Schönen im Wald“, bei uns besser bekannt als „Dornröschen“, sowie „Der kleine Däumling“, dessen Vorlage dem „Hänsel und Gretel“-Stoff der Gebrüder Grimm stark ähnelt. Ravel komponierte seinen Zyklus zunächst für Mimie und Jean Godebski, zwei klavierspielende Kinder eines befreundeten Ehepaares, im Jahr 1908 komponiert. Dabei handelte es sich um eine fünfteilige Klavierkomposition für vier Hände. Am Tag der Uraufführung, trauten sich die Kinder den großen Auftritt doch nicht mehr zu. Schließlich wird das Stück von der elfjährigen Jeanne Lele, einer Schülerin der befreundeten Pianistin Marguerite Long, und der zehnjährigen Germaine Durony in der Salle Gaveau uraufgeführt.

„Ma mère l’oye“ besticht durch seine Einfachheit, man kann auch von einer gewollten Schlichtheit des Stücks sprechen, einen Kontrast bildet „Gaspard de la nuit“, ebenfalls um 1908 entstanden. Beide Klavierzyklen unterscheiden sich jedoch in ihrer Spielart: das eine Stück geht an die Grenzen der Spielbarkeit, schöpft alle Möglichkeiten der Virtuosität aus, wohingegen unser Stück kinderleicht zu spielen ist. Auch der Dirigent Yannick Nézet-Séguin spricht von einer gewissen Gratwanderung bei dem Stück „Ma mère l’oye“, denn man könne es nicht einfach nur schnell lesen, dann einmal spielen und sagen: ja, so passt das schon. Dennoch lassen sich in beiden Klavierstücken Parallelen finden: Beide Zyklen sind mit lyrischen Inhalten gefüllt, dort sind es die romantischen Gedichte und hier die Märchen des 17. und 18. Jahrhunderts.

Titelseite des Manuskripts

Titelseite des Manuskript der Noten von Maurice Ravel: Die Geschichten der Mutter Gans (The Morgan Library & Museum, New York)

Vier Jahre später, im Jahr 1912, fand am 21. Januar in Paris die Uraufführung der Ballettfassung von „Ma mère l’oye“ statt. Ravel orchestrierte die Klavierversion, er hat zwei neue Stücke sowie vier Zwischenspiele hinzugefügt. Jeanne Hugard begeisterte mit ihrer Choreographie das Publikum. Ravel fertigte parallel eine zweite Orchesterfassung für den Konzertsaal an, dabei handelt es sich um eine Instrumentation der ursprünglichen fünfteiligen Klavierkomposition. Mit den fünf Kinderstücken erklärte Ravel seine Liebe für den Vorstellungsbereich von Kindern und verlieh diesem erstmals in seinem Werk künstlerischen Ausdruck. Dabei suchte er in musikalischen Charakteren die Atmosphäre und die Figuren aus den Märchen zu erfassen. Sein Haus, die Villa La Belvédère in Montfort L’amaury, war bis unters Dach vollgestopft mit allerlei Kleinigkeiten. Er selbst hat alle Papiere bemalt, die an den Wänden hängen. Und alles ist klein, alles ist fein. Jedes Detail ist wichtig und winzig. Auf den Möbeln stehen Figürchen von Menschen und Tieren, alles en miniature.

Illustration: Pavane de la belle au boix dormant

Illustration: Ravel – Ma mère l’oye, „Pavane de la belle au bois dormant“ (Bildquelle: www.tomplay.com, gemeinfrei)

Mit einem musikalischen „Es war einmal ...“ führt Ravel in seine Märchenwelt ein: Die „Pavane des Dornröschen“ („Pavane de la Belle au bois dormant“) beschreibt mit stilistisch einfachen Mitteln, einer kindlichen, friedlich in sich kreisenden Melodie, den ruhenden Märchenwald der Prinzessin, welche sich an einer Spindel sticht und für einhundert Jahre in einen tiefen Schlaf fällt. Es ist ein nachempfundener Schreittanz des 16. Jahrhunderts, in gedämpfter Lautstärke und mit einer wie aus vergangenen Zeiten aufscheinender Melodie. Die Melodie fängt die magische Aura der schlafenden Prinzessin ein und drückt gleichzeitig ihre Schönheit und Blässe sowie Traum und Hoffnung aus. Man kann die Anmut und die Mystik, welche die Prinzessin umgibt, in jedem erklingenden Ton nachempfinden. Jeder Schritt des Schreittanzes wirkt wie ein Atemzug. Zug um Zug heben sich die Geigen aus den anderen Instrumenten-Gruppen hervor. Die Prinzessin liegt dort und schläft, in all ihrem Prunk, mit ihrem langen Haar.

Ganz anders erleben wir den zweiten Satz, ein spürbarer Wechsel in der Tonlage als auch der Geschwindigkeit der Noten ist erkennbar. Der „Kleine Däumling“ („Petit Poucet“) ist charakterisiert durch eine eigenartig, fahle und bohrende Achtelbewegung, die stufenweise in Form von plötzlich abbrechenden Terzen geprägt wird. Terzenketten stehen hier für das ängstliche Umherirren der im dunklen Wald ausgesetzten Geschwister, die sich im Wald verlaufen haben. Sie hatten Körner auf den Weg gestreut, damit sie den Weg zurückfinden, doch die Vögel haben alle Samenkörner aufgepickt.

Etwas melancholischer und düster klingt der dritte Satz des Klavierzyklus, „Laideronette, Kaiserin der Pagoden“ („Laideronette, Impératrice des Pagodes“). Der Schauplatz regte Ravel zu einer Nachahmung chinesischer Musik an. Mit Pagoden sind hier nicht die Gebäude gemeint, sondern kleine Porzellanfiguren, die im 17. Jahrhundert vom fernen Osten nach Frankreich kamen und in Paris Mode wurden. Um sich an die Größenverhältnisse des Märchens anzupassen, komponierte Ravel „chinesische“ Spieldosenmusik, man könnte es auch als einen heiteren Miniatur-Marsch bezeichnen, in welchem chinesische Schlaginstrumente einen Auftritt haben. Die chinesische Fünftonleiter tritt hervor, da die Oberstimme nur Töne verwendet, die denen der schwarzen Klaviertasten entsprechen. Wobei dieser Teil auch wieder in einem regen Durcheinander jeglicher Instrumenten-Gruppen endet.

Pagode: Porzellanfigur

Pagode: Figur mit beweglichem Kopf aus Meißner Porzellan (Bildquelle: www.1stdibs.com, gemeinfrei)

Nach einer kurzen Pause erklingt ein weiterer Tanz: der Tanz der Schönen mit dem Biest. Er bildet das Kernstück von Ravels „Ma mère l’oye“ und schildert in Kürze „Die Gespräche zwischen der Schönen und dem Tier“ („Les entretiens de la Belle et de la Bête“). Eingeleitet von fließenden Bewegungen kommt es kurz darauf zur Begegnung des Paares. Es soll nicht dabei bleiben, vielmehr drücken Konflikte und eine erneute Vereinigung die Bindung der ungleichen Zwei aus. Zuerst erklingt der mädchenhafte und tief erotische Walzer der Schönen, demgegenüber steht unmittelbar danach das in extremer Tiefe düstere, dunkle Thema der Bestie. Die seelische Vereinigung vollzieht der Komponist hier durch kontrapunktische Zusammenführung von Melodie und Bass zu einer neuen erotischen Beziehung. Die Bestie wird letztlich von den hellen Tönen einer Harfe aus dem tiefen Bassbereich emporgehoben, dabei wird sie zurück in den Prinzen verwandelt und es erklingt engelsgleicher Gesang, gezupft auf einer Harfe.

„Der Feengarten“ („Le jardin féerique“), als einziger Satz ohne Märchenprogramm, bildet die feierliche Schlussapotheose der Märchensammlung. Sie manifestiert sich in einem sich steigernden Rythmus, bis hin zur absoluten Schönheit des Gartens. So wie Laideronette in den schwarzen Tasten des Klaviers ausgedrückt wurde, sind es nun die weißen Tasten, welche dominieren. In der C-Dur-Tonleiter werden Töne zu vielen denkbaren Akkorden frei kombiniert. Der Schluss steigert sich vom Pianissimo ins Fortissimo, zuzüglich Glissandi. Es ist Ravels ganz eigener, besinnlicher Hymnus eines Kindes, das er selbst sein Leben lang versucht hat in sich zu tragen und zu bewahren und welches auch noch in den Stimmen des Chors seiner späteren Oper „L’enfant et les sortiglèges“ zu folgenden Worten erklingt: "Es ist gut, das Kind, es ist weise. Es ist so sanft."

Ravel am Klavier

Maurice Ravel am Klavier (Bildquelle: picture-alliance/dpa)

Ursprünglich hatte Ravel angnommen, dass Mimie und Jean, die Kinder seiner Freunde Ida und Cipa Godebski, denen „Ma mère l’oye“ gewidmet ist, die Uraufführung spielen würden, was diese sich allerdings nicht zutrauten. So waren es schließlich die elfjährige Jeanne Leleu, eine Schülerin der mit Ravel befreundeten Pianistin Marguerite Long, und die zehnjährige Germaine Duronay, die das Werk im ersten Konzert der neu gegründeten „Société Musicale Indépendante“ (S.M.I.) am 20. April 1910 in der Salle Gaveau aus der Taufe hoben. Ravel war von dieser Aufführung der beiden Mädchen tief bewegt, so dass er sich am Tag darauf bei Jeanne Leleu mit einer kleinen Karte bedankte: "Mademoiselle, wenn Sie eine große Künstlerin sein werden und ich ein alter Kerl, entweder auf dem Gipfel des Ruhms oder völlig vergessen, werden Sie vielleicht eine wohltuende Erinnerung daran haben, ein ziemlich aus dem Rahmen fallendes Werk mit dem genau zu ihm passenden Audruck zu Gehör gebracht zu haben ..."