Werktextblog

„Odkud jsi?“ – Eine Entdeckungsreise zum Ich

Antonín Dvořák: 8. Sinfonie G-Dur op. 88

05.10.2020 — von Eins Lee

Antonín Dvořák komponierte seine Sinfonie Nr.8 in G-Dur, op. 88 in Vysoká und brachte sie in Prag am 2. Februar 1890 zur Premiere. Bekannt als die idyllische Symphonie mit böhmischen Einflüssen, beweist Dvořák in ihr sein Geschick, eine eingängige Melodie nach der anderen zu komponieren. Seine früheren Stücke, wie die siebte Sinfonie, waren stärker von deutscher Musik beeinflusst. Während Dvořák sich in seiner achten von der Natur inspirieren ließ, wich er von traditionellen Strukturen ab und forschte nach einer anderen symphonischen Identität. Mich spricht diese idyllische Symphonie gerade deshalb an, genauer gesagt: mich in meiner vielschichtigen, zerrissenen Identität als gebürtiger Neuseeländer, der in Südkorea aufwuchs, danach sechs Jahre in Auckland, Neuseeland studierte und nun seit drei Jahren in Deutschland lebt. Seit langem fühle ich mich hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Kulturen und ich bin immer noch auf der Suche nach einem Gefühl von Zugehörigkeit. Dvořáks Musik stellt mir eine Frage, „Odkud jsi?“ – Woher kommst du?

Antonín Dvořaks Sommerhaus

Dvořáks Landsitz in Vysoká, wo er seine 8. Sinfonie komponierte (Quelle: www.antonin-dvorak.cz)

Nach dem Hören der breiten g-Moll-Melodie am Anfang des ersten Satzes, Allegro con brio, bekommt man ein etwas mysteriöses, feierliches Gefühl. Die Celli, unterstützt von ein paar Klarinetten, Hörnern, und einem Fagott, betrachten einen neuen Tag in der neuseeländischen Landschaft beim Sonnenaufgang. Die immer noch kühle, frische Erde begleitet den Aufgang – die Bratschen und Bässe zupfen ihre Saiten, während die edlen Posaunen vernünftig flüstern. Phrasen, die nicht regelmäßig vier- oder achttaktig sind, wirken nicht unnatürlich, sondern ganz im Gegenteil – die voluminösen Wolken am frischen Morgen in Aotearoa (Land der langen weißen Wolke) – wie die Urbevölkerung, die Maoris, Neuseeland nannte – sind auch nicht symmetrisch.

Antonín Dvořák: 8. Sinfonie G-Dur op. 88 (London Symphony Orchestra / István Kertesz)

Aus meinen ersten vier Jahren in Auckland habe ich keine klaren Erinnerungen, und mich als Kind in Südkorea als Neuseeländer vorzustellen, war ein verwirrendes Gefühl. Ich scheute mich davor, mich als Koreaner zu bezeichnen, denn als schüchternes Kind auf einer internationalen Schule beherrschte ich weder Englisch noch Koreanisch. Wenn ich mit meinen mehrheitlich koreanisch-amerikanischen Mitschüler*innen über Urlaubsgeschichten plauderte oder auch meine Begeisterung zur Klassik teilte, fühlte ich mich bisweilen verloren oder ausgeschlossen.

Der Autor als Kind

Ich als Kind in Südkorea (Foto: privat)

Die mysteriöse Cello-Einleitung ist schnell vorbei und Dvořák beginnt, seine eigenen Stimme in der Symphonik und eine kulturelle Identität zu suchen. Sobald die Geigen sanft wie eine leichte Brise erscheinen, singt der erste Vogel das Hauptthema in Gestalt einer Solo-Querflöte [0:39].

Die Pentatonik dieser Melodie trägt zum folkloristischen Charakter bei und berührt ein Stück meines Heimatgefühls. Die feine Textur, der schnörkellose Dreiklang-Aufstieg, und die Tonart G-Dur münden schrittweise in eine heiterere Stimmung. Der wiederholte punktierte Rhythmus bringt rhythmische Vielfalt und kündigt die spannungsvolle Energie des Satzes an, die daraufhin ausbricht. Kurz darauf folgt ein tiefer Orgelpunkt und ein langes Crescendo. Die energiegeladene Stimmung erinnert mich an den hektischen Alltag in Südkorea. Da dort ein hoher Leistungsdruck die Norm ist, lernte ich Fleiß und Tätigsein zu schätzen. Identifiziert man sich am stärksten mit der Kultur seiner Familie? Oder kommt das Heimatsgefühl vielmehr aus dem Land oder dem Ort, wo man den Großteil der Kindheit verbrachte? Oft ist es Letzteres, aber ich war nicht ganz zufrieden damit, ständig mit anderen aufgrund besserer oder schlechterer Noten verglichen zu werden, und ich fühlte mich oft wohler, Freunde mit internationalem Hintergrund zu haben.

Nach einem gebundenen Oktav-Abstieg der Streicher, zwei auffälligen Sechzehntelnoten der Pauke und einem Tutti-Akkord erklingt sofort ein neues ausdrucksvolleres Thema in den Bratschen und Celli. Die Spannung bleibt mit dem wiederkehrenden punktierten Rhythmus, und noch aufregender wird es, wenn die durchartikulierte drei Achtelnoten-Geste mehrmals wiederholt wird [1:32], zuerst von den Geigen, dann mit der Pauke und der Hälfte der Bläser dazu. Der Reichtum an Themen im ersten Satz lässt nicht nur an eine Identitätskrise denken, sondern veranschaulicht mir auch meinen dynamischen ersten Monat in Freiburg als Austauschstudent aus Auckland. (Diese Zeit habe ich hier beschrieben.) Neben vierwöchigem Sprachunterricht war der ganze Monat intensiv mit allen möglichen Freizeitaktivitäten und täglichem Kennenlernen neuer Freund*innen: eine der besten Zeiten meines Lebens. Wurde mein mangelndes Gefühl der kulturellen Zugehörigkeit noch genährt durch die Aktivitäten und die kulturelle Vielfalt meiner Freund*innen? Ich zähle zu den wenigen von uns Austauschstudierenden, die weiter jahrelang in Deutschland geblieben sind.

Themen aus Antonín Dvořaks 8. Sinfonie

Themen und Motive aus dem ersten Satz der Sinfonie (Abbildung aus: Hartmut Schick, „Dvořák’s Eight Symphony: A Response to Tchaikovsky?“ in: Rethinking Dvořák: Views from Five Countries, hrsg. von David R. Beveridge, Oxford 1996, S.161)

Warum fühlt man sich zu fremden Kulturen hingezogen? Häufig kommt es vor, dass man durch die Erfahrung fremder Länder und Kulturen mehr über sich selbst lernt. So auch im Fall Dvořáks, der sich dem Deutschen ab- und dem Böhmischen und Idyllischen zuwandte. Die schnell wechselnden, verschiedenen Themen des ersten Satzes, die auch das Bild zeigt, schildern eine dynamische Suche nach verschiedenen europäischen Kulturen und Erfahrungen, die ich auch weiterhin gerne kennenlerne. Das gelassene, empfindsame Thema in h-Moll [2:09] wird nach nur 20 Sekunden von einem folkloristischen Thema von Klarinetten und Flöten abgelöst, geprägt von Oktavsprüngen und konsequenten Streichertriolen [2:32]. Natürlich dauert es nicht länger als eine halbe Minute, bevor ein nächstes Thema in H-Dur übernimmt, zuerst gespielt von den sanften Holzbläsern und dann vom Tutti [3:07].

Den Moll-Dur-Kontrast hat Dvořák schon am Anfang eingesetzt – die Einleitung in g-Moll, fast im gleichen Tempo wie im Hauptteil, ist untypisch für eine Sinfonie. Ich betrachte Moll als Symbol der Identitätskrise und Dur als das der Hoffnung und Akzeptanz. Wie Dvořák jedes Mal so flüssig zum nächsten Thema wechselt, so ergründet ein Eingewanderter seine Identität in einem fremden Land und akzeptiert sie schrittweise. Wenn das vogelartige Dreiklang-Aufstiegs-Motiv über einem energievollen Orgelpunkt wieder auftaucht [3:33], kehrt das Stückchen Heimatsgefühl zurück.

Laut Hartmut Schick wiederholt Dvořák sein feierliches g-Moll-Einleitungsthema später in seinem ersten Satz, so wie Tchaikowsky das Einleitungsthema des ersten Satzes seiner fünften Sinfonie in der Mitte des letzten Satzes wiederholt, um das Stück zusammenzuschließen. Dvořák schafft dies am Ende der Durchführung triumphal mit den Trompeten als Hauptstimmen, begleitet von chromatischen Sechzentelnoten in drei Oktaven von Streichern, einem Paukentremolo und Off-Beats im tiefen Blech [6:54]. Mit dem zuvor mysteriösen, jetzt mutigen Thema im ersten Satz sagt Dvořák uns, inspiriert von der Natur seiner böhmischen Heimat, dass unsere Herkunft fest steht und die kontinuierliche Suche nach anderen Kulturen dies nicht ändern wird.

Der zweite Satz, Adagio, wirkt angenehm und die sanfte Klangfarbe der Streicher am Anfang gibt ein warmes Gefühl. Auf- und absteigende Melodiebögen vermitteln einen suchenden, sehnenden Charakter. Aus Wissbegierde über seinen komplexen Hintergrund geht man manchmal zu seinem weniger bekannten Geburtsland, und so hatte ich entschlossen, in Neuseeland zur Uni zu gehen und nach den eigenen Quellen zu suchen. Ein Vogelgesangsthema von Flöten und Oboen, geprägt von einem kurzen Aufstieg und wiederholten, idyllischen Quartsprüngen, wird sorgfältig beantwortet von den Klarinetten. Das erste sehnende Thema kehrt zurück, deutlich kräftiger in den Holzbläsern, und die Streicher antworten darauf. Man könnte vermuten, dass Dvořák mit den eindringlichen Quartsprüngen seine beharrliche Suche nach einer Heimatskultur andeuten wollte.

Auckland

Auckland, meine Geburtsstadt (Foto: Oliver Grebenstein)

Wenn man eine weniger bekannte Kultur kennenlernt, bieten sich ab und zu unschätzbare Gelegenheiten. Ich hatte das Privileg, in einem nördlichen Vorort in Auckland eine Operette mit dem Laien-Theater und Ensemble zu dirigieren. Die Aufregung, etwas Verantwortungsvolles zu wagen, wurde verstärkt und wie die nachdrücklichen Quartsprünge habe ich nach jeder Probe und jedem Feedback immer wieder mein Bestes gegeben. Dvořák verwendet noch mehr Beharrlichkeitsgesten wie die Oktav-Abzüge der Geigen, die eine schwebende vogelartige Flötenmelodie begleiten. Angenehm fließend wird sie von der Sologeige übernommen [13:37]. Eine riesige Freude bereitete mir die positive Kritik der Operetten-Vorstellungen. Eine neue, freundliche Gemeinschaft zu erleben und dabei als Laien-Dirigent in der eigenen Geburtsstadt den Horizont erweitern zu dürfen – da ist man auf einem guten Weg zur Zugehörigkeit! Egal in wie vielen Kulturen man aufwächst, oder ob man sich mit keiner gut identifiziert: Nach solchen unschätzbaren Gelegenheiten will man unbedingt auf der Suche sein.

Allegretto grazioso – molto vivavce ist ein wehmütiger Walzer an Stelle eines Scherzos. Dvořák hat seinen dritten Satz von absteigenden Tonleitern und Sequenzen abgeleitet und hat regelmäßige vier- oder achttaktige Phrasen vermieden. Entlang konsequent begeleitender Triolen suchte er nach einem böhmischen Musikstil. Und durch das Fahrradfahren, das ich mir erst in Deutschland angewöhnte, und das Musikmachen suche ich meine kulturelle Identität. Das tägliche Fahrradfahren brachte mich nicht nur über den Neckar oder an ihm entlang zur Uni, sondern auch mehrmals pro Woche zu Chor- und Orchesterproben. Die Begeisterung für die Kultur der klassischen Musik in Deutschland war entscheidend für meinen Weg bis nach Frankfurt und die stärkste Motivation, aktiv zu bleiben, deutsche Freund*innen kennenzulernen, vor allem immer wieder die Zugehörigkeit in Ensembles zu erleben. Man kann seine kulturelle Identität durch seine Lieblingsaktivitäten wie Musikmachen definieren und durch die Menschen, mit denen man Zeit verbringt.

Antonín Dvořak

Antonín Leopold Dvořák (1841-1904) (gemeinfrei)

Die ersten Geigen schweben gefühlvoll mehrere Takte über den begleitenden Triolen. Die Holzbläser seufzen eine chromatisch absteigende Melodie. Das Sehnen und Seufzen interpretiere ich als die vorübergehende Freude in Proben und Vorstellungen. Generell fühle ich mich am wohlsten, wenn ich selber musiziere oder klassische Musik live höre. Wenn ich dies ich nicht darf, sehne ich mich danach. Der spielerische, böhmische Mittelteil bildet einen starken Kontrast.

Rafael Kubelík, der tschechische Dirigent, sagte einmal: „Gentlemen, in Bohemia, the trumpets never call to battle – they always call to the dance!“ So fängt der letzte Satz, Allegro, ma non troppo an: eine Fanfare von zwei Trompeten. Der Tanz ist voller Freude und ist ein Fest in internationaler Gesellschaft. Der Satz ist ein Thema mit Variationen. Das Anfangsthema in den Celli klingt einfach – täuschend einfach: Dvořák musste es neunmal entwerfen, bis er mit ihm zufrieden war. So wie auch eine Person täuschend unkompliziert wirken kann, obwohl sie jahrelang um ihre Identität zwischen Herkunft, Familienhintergrund und Gesellschaft ringen musste. Die Celli spielen einen G-Dur-Dreiklang aufwärts, genau die Töne des ersten Vogelgesangthemas im ersten Satz. Hoffnung keimt auf, die nicht dringend eine Zugehörigkeit benötigt.

Grob besteht der Satz aus langsameren Teilen, die benommen sind und schrittweise mit komplexeren Rhythmen und Textur die Spannung steigern, und aus schnelleren. Im Abschnitt mit der Bezeichnung Un poco più mosso beschleunigt sich das Tempo. Ein belebendes, energiegeladenes Fortissimo bricht aus. In einer Variation erscheint erneut die hemmungslos zwischernde Flöte. Während die langsameren Teile vorsichtig einen Identitätskonflikt anerkennen, umarmen die schnelleren Teile alle Schwierigkeiten, lassen los, und feiern! Letzten Endes mag Dvořáks Musik uns vermitteln, dass eine Person mit einer komplexen kulturellen Identität einen breiten Horizont hat, dass sie sich flexibel definieren darf und sich in einem bevorzugten Ort und mit bevorzugten Leuten weiter kulturell entwickelt.

Johannes Brahms war Dvořáks Mentor. Dank seiner Hilfe wurde Dvořák in Musikerkreisen anerkannt und knüpfte Kontakt zum Musikverlag Simrock. Dvořák wurde musikalisch von seinem Mentor beeinflusst. Seine achte Sinfonie aber sah er selbst als „ein von seinen anderen Symphonien verschiedenes Werk“, konzipiert „mit individuellen, in neuer Weise ausgearbeiteten Gedanken“. Sie ist deutlich programmatisch strukturiert und weicht von der klassischen symphonischen Form ab, was Brahms überraschte. Ein Dirigenten-Mentor sagte mir, er bereue es, dass er nicht die Zeit im Ausland nahm, andere Musikkulturen zu erfahren, bevor er sich in Südkorea niedergelassen hatte. Wie eine Person oder eine Sinfonie sich definieren lässt – das hängt nicht zuletzt von ihrem Hintergrund und ihrer persönliche Perspektive ab.

Die Frage also, „Odkud jsi?“ – sie lässt sich nicht in einem Satz beantworten.