Werktextblog

Vom Sturm geschüttelt, am Ofen gewärmt

Emilie Mayer: Sinfonie f-Moll

29.06.2020 — von Johanna Sinn

Wenn diese Sinfonie eine Reise über das Meer erzählt, so wirft sie die Reisenden ohne Vorwarnung in stürmische Böen. Die ersten Takte der f-Moll-Sinfonie von Emilie Mayer beginnen turbulent mit Sechzehntelketten, die den ganzen ersten Satz bestimmen. Darüber werfen impulsive Bläserakkorde das Ohr wie Windstöße in verschiedene Richtungen. Der für einen Kopfsatz unerwartete Sechsachteltakt verstärkt diesen drängenden Eindruck. Nicht zufällig, so kommt es mir in den Sinn, ist eine Aufnahme der Sinfonie auf Youtube mit einem Bild von Segelschiffen im Sturm unterlegt:

Kammersymphonie Berlin, CD "Emilie Mayer, Fanny Hensel, Louise Adolphe Le Beau", 06/2003

Emilie Mayer schreibt die Sinfonie in f-Moll mit ungefähr vierzig Jahren. Genau zu rekonstruieren ist das Entstehungsdatum nicht, weil für mehrere Stellen ihrer Biographie eindeutige Quellen fehlen. Lange Zeit wurde angenommen, dass die Komponistin 1821 geboren sei, wie es zu ihren Lebzeiten das Tonkünstlerlexikon von Carl von Ledebur angibt. Dabei handelt es sich jedoch wohl um einen Zahlendreher, denn Almut Runge-Woll fand vor einigen Jahren im Kirchenbuch St. Marien in Friedland (Mecklenburg-Strelitz) den entscheidenden Eintrag: Emilie Mayer wurde im Jahr 1812 geboren. Wenig später, 1814, stirbt bereits ihre Mutter, und Emilie wächst mit vier Geschwistern im Haushalt des Vaters auf. Dieser ist Apotheker, daher recht wohlhabend und lässt Emilie neben allgemeinem Privatunterricht ab ihrem fünften Lebensjahr auch Klavierunterricht nehmen. Schon früh entstehen ihre ersten eigenen Kompositionen. Erst um 1841 aber, nach dem Tod des Vaters, beginnt sie ein Kompositionsstudium bei Carl Loewe in Stettin. Dort lernt Mayer im Stil Mozarts und Haydns komponieren, wie ihre ersten drei Sinfonien zeigen.

In der f-Moll-Sinfonie trotzt dem Sturm bald das zweite Thema, dessen Dur-Melodie den Sturm viel zu leicht vergessen lässt. Denn er kehrt sogleich mit Gewalt zurück! Ein schelmischer Sturm also, unberechenbar und Meister im Spiel mit der Ungewissheit. (Hier direkt die Stelle hören: [2.07]) Der erste Satz steht in der typischen Sonatensatzform, was bedeutet, dass das stürmische erste und das frohe zweite Thema sich nun in einer Durchführung gegeneinander behaupten müssen. [5.25] Insgesamt ist diese Konfrontation voller Spannung und endet mit heftigen Mollakkorden, die in meiner maritimen Hörweise wie an den Mast schlagende Segel klingen. [10.26] Der Satz ist programmatisch für die gesamte Sinfonie, denn über das ganze Werk hinweg unterwandern ungestüme Gedanken die ruhigen Passagen, gesangliche Themen verflechten sich mit komplexem Kontrapunkt.

Diese Sinfonie, die in die mittlere Schaffensperiode der Komponistin fällt und etwa um 1856 entstanden sein dürfte, hat wohl schon Mayers Zeitgenossen an die Sinfonien Ludwig van Beethovens erinnert. Das ist kein Wunder, denn einige Jahre vor ihrer Komposition ist Mayer nach Berlin gezogen, um bei Adolph Bernhard Marx und Wilhelm Wieprecht zu studieren. Marx verehrt Beethoven, und auch wenn er dessen Kompositionsstil nicht in seinen Unterricht aufnimmt, dürfte Mayer durch diesen Wechsel mit Beethovens Musik doch in engeren Kontakt gekommen sein. Mayers 4. Symphonie in h-Moll von 1851 ist die erste, mit der sie sich vom bei Loewe gelernten klassischen Kompositionsstil emanzipiert. Die h-Moll-Sinfonie ist damals wie heute bekannter als die f-Moll-Sinfonie, die etwas später um 1856 entstanden sein dürfte. Letztere zeugt neben der Beethovenkenntnis auch von Melodik und Harmonik der Frühromantik, etwa Mendelssohns, wie sie in späteren Werken Mayers noch deutlicher zu finden sein wird.

Folgt man weiter der Metaphorik einer Seefahrt, die freilich von Mayer nicht selbst nahegelegt wird, bringt der zweite der vier Sätze die ersehnte Ankunft und Sicherheit. Hier erscheint die Reise wie ein vergangenes Geschehen, das an einem Abend am Ofen erzählt wird. In der Geborgenheit und Ruhe des anfänglichen Duetts aus Celli und Hörnern entsteht dieser bemerkenswert lange Satz. [10.50] Bisweilen kommt Schwermut auf, die Bläser stoßen hinzu und stimmen einen choralartigen Zwischenruf an, eine alle Instrumente vereinende Klangfläche unterbricht lyrische Momente. [12.13] Erinnert man sich der Gefahren? Kullernde Zweiunddreißigstelnoten lassen mich glauben, dass die ersten Lauschenden eingeschlafen sind, da nimmt der Satz plötzlich an Fahrt auf, als sei ringsum offenes Meer [16.15]. Wer auch immer hier erzählt, hat dramatisches Talent – und führt die Geschichte dann doch dem guten Ende zu. Dieser zweite Satz erfährt zu Mayers Lebzeiten besonderes Lob und wird öfters einzeln in Konzertprogramme genommen, wie Almut Runge-Woll berichtet. So etwa 1877, als ein Rezensent der Allgemeinen Deutschen Musikzeitung ihn für seine „faßliche Melodik“ lobt:

„Das fünfte Konzert brachte Instrumentalwerke von W. Bargiel, Emilie Mayer, R. Schumann und R. Wagner. – (…) Das Adagio, aus der hier noch nicht gehörten F-moll-Symphonie von der geschätzten heimischen Komponistin, Fräulein Emilie Mayer, welche dem Konzert beiwohnte, sprach durch faßliche Melodik, gesunde Harmonie, wirksame Instrumentation und klare Form gleich beim ersten Hören die Musikfreunde an, wurde unter Herrn Musikdirektor Parlow's Leitung gut ausgeführt und beifällig aufgenommen. (…)“

Ausschnitt aus der Allgemeinen Deutschen Musikzeitung, Wochenschrift für die Reform des Musiklebens der Gegenwart, Jahrgang 1877, Nr. 4, S. 114 (als Digitalisat abrufbar bei der Bayerischen Staatsbibliothek)

Die ersten Takte des dritten Satzes greifen Rhythmus und Melodie des ersten auf. Zwischen scherzotypischen Synkopen im Streicherunisono wird man hin- und hergeworfen. [20.57] Mehrere Takt- und Tonartwechsel strukturieren den daraufhin leisen und filigranen Satz. Schließlich jedoch übernehmen Blechbläser und Schlagwerk die Führung und eilen, gespickt mit Pizzicati und abfallenden Figuren der Streicher, dem Ende entgegen. Mit ähnlicher Unruhe wie der dritte, aber dabei sehr viel geheimnisvoller, beginnt der verhältnismäßig kurze letzte Satz. Den Sechzehntelläufen der Streicher am Anfang ist kaum zu folgen. [27.42] Ist hier das Gewimmel am Hafen zu hören, das ankommende Schiffe erwartet? Ähnliche Fröhlichkeit und Unruhe schafft jedenfalls der folgende Tumult der Orchesterstimmen. Darin begegnet mir immer wieder das entschlossene Kopfmotiv des anfänglichen Themas. [28.12] An anderer Stelle fangen die Blechbläser mit punktierten Rhythmen die davonrennenden Streicher ein wie Hafenarbeiter einen Dieb. [31.40] Schließlich werden alle von einer Generalpause aufgehalten – um dann in letzte Läufe, synkopische Achtel und die finalen Akkorde zu stürzen. [33.15] Die Sinfonie begann mit Unruhe, sie endet mit Wucht.

Emilie Mayer bleibt ihr Leben lang unverheiratet und gestaltet ihr Leben selbständig als Komponistin. Sie wohnt bei Verwandten in Stettin, Pasewalk, Halle und Berlin, und reist auch darüber hinaus einige Jahre lang viel. Sie begleitet Aufführungen ihrer Werke in Wien, wo sie die Aufmerksamkeit der Königin erregt. In München wird sie zum Ehrenmitglied des Philharmonischen Vereins ernannt. Auch als sie sich wieder in Stettin und Berlin niederlässt, lässt die Anerkennung für ihr über nahezu alle Gattungen reichendes Werk nicht nach. Sie komponiert außer den acht Sinfonien unter anderem eine zu ihrer Zeit sehr bekannte und heute noch gespielte Faust-Ouverture, zahlreiche Lieder und Kammermusik. Die Violinsonaten nehmen darunter eine besondere Stellung ein und tragen Widmungen an Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts wie den Geiger Joseph Joachim, den Historiker Leopold Ranke oder Herzogin Caroline Charlotte Marianne zu Mecklenburg. 1883 stirbt Emilie Mayer unerwartet an einer Lungenentzündung in Berlin, wo sie auf dem Kreuzberger Dreifaltigkeitskirchhof in der Nähe Fanny Hensels und Felix Mendelssohn Bartholdys beigesetzt wird.

Porträt von Emilie Mayer (Lithographie Eduard Meyer nach einer Zeichnung von Pauline Suhrlandt, gemeinfrei)

Manchmal wird die f-Moll-Sinfonie nicht als siebte, sondern als fünfte Sinfonie nummeriert. Das liegt daran, dass es sich um die fünfte gefundene handschriftliche Partitur handelt, auf der Mayer selbst gar keine Nummer vermerkt hat. Nur die ebenfalls erhaltenen und offensichtlich benutzten Stimmen tragen die handschriftliche Bezeichnung "7. Sinfonie". Mittlerweile lässt sich eine Entstehungsreihenfolge von insgesamt acht Sinfonien rekonstruieren, die diese Nummerierung als siebte Sinfonie bestätigt. Zwei Sinfonien sind gänzlich verschollen. Wie zu der Zeit üblich wurden die meisten Sinfonien nicht gedruckt, sondern aus handschriftlichen Noten der Komponistin gespielt. Auch die f-Moll-Sinfonie trägt deshalb keine Opuszahl. Im Zuge der verstärkten Erarbeitung von Mayers Werk und der Quellen zu ihrer Biographie in den letzten Jahrzehnten wurde die f-Moll-Sinfonie 2005 vom Furore-Verlag erstmalig ediert (allerdings als Nr. 5!). Der erneuten Aufführung, ob des zweiten Satzes oder der ganzen Sinfonie, steht also nichts mehr im Wege. Vielleicht ist sie schon bald in einem Konzert zu hören? Ins Licht der Öffentlichkeit zurückgefunden hat Mayer bereits im Film Komponistinnen, der sie unter anderen mit ihrer d-Moll-Klaviersonate vorstellt. Es lohnt, die Ohren offen zu halten.

Literatur:
Almut Runge-Woll, Die Komponistin Emilie Mayer (1812-1883). Studien zu Leben und Werk, Frankfurt a.M. 2003
Martina Sichardt, "Emilie Mayer", in: Musikfrauen e.V. / Bettina Brandt (Hrsg.), Komponistinnen in Berlin, Berlin 1987, S. 149-178